Jean-Baptiste-Camille Corot - Lady in Blue (Full)

Jean-Baptiste-Camille Corot - Dame in Blau

Schwarz / S / Kiefer
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Die Dame in Blau (oder Frau in Blau)
Jean-Baptiste-Camille Corot
16 Lip 1796 – 22 Lut 1875

Das Werk bündelt seine gesamte Dramatik in einer intimen, zutiefst psychologischen Studie der Versunkenheit, in der das Modell — Emma Daubigny — zur Verkörperung melancholischer Schönheit wird. Die weibliche Gestalt, in einer Haltung von natürlicher Anmut erfasst, wendet sich vom Betrachter ab und richtet ihren nachdenklichen, abwesenden Blick in einen Raum jenseits des Bildrandes. Dieser Verzicht auf direkten Kontakt mit dem Publikum umgibt sie mit einer Aura unzugänglichen Geheimnisses und tiefer Introspektion. Das Modell lehnt locker an einem dunklen Möbelstück, während ihre erhobene Hand sanft das Kinn stützt — eine Geste tiefer Gedankenversunkenheit. In der anderen, herabgesenkten Hand hält sie einen halb zusammengefalteten Fächer — ein klassisches Attribut der Weiblichkeit, das hier zum Symbol des Ungesagten, eines unterbrochenen Gesprächs, eines intimen Geheimnisses wird, das uns verborgen bleibt, oder verborgener, unausgesprochener Gefühle.

Der Raum, in dem der Künstler seine Heldin ansiedelt, ist das strenge, minimalistische Interieur seines eigenen Malerateliers, weit entfernt vom bürgerlichen Prunk der Epoche. Den Hintergrund bilden geometrische Gliederungen einer neutralen Wand in Sandtönen, gedämpftem Grün und bläulichen Grautönen, die durch eine horizontale Holzleiste getrennt werden. Links zeichnet sich der nüchterne Umriss einer Staffelei ab, während an der Wand zwei aufgehängte Landschaften zu erkennen sind — eine in einem breiten Rahmen, die andere unmittelbar über der Leiste — als subtiler selbstreferenzieller Kommentar zum Schaffen des Meisters. Die Stimmung entsteht durch eine raffinierte, beinahe introvertierte Farbpalette. Das eigentliche koloristische Herz des Werkes ist jedoch das tiefe, fast elektrisierende Ultramarinblau des Kleides der Modellfigur. Dieses Kleid, in schwere, kaskadenartige Falten gelegt und am unteren Rand von schwarzen Bändern gefasst, leuchtet vor dem dunklen, purpurfarbenen Möbelstück, auf das die Frau ihren Arm stützt. Weiches, diffuses Licht umspielt die entblößten Schultern und den Nacken des Modells und hebt die alabasterhelle Leuchtkraft ihrer Haut aus der dunklen, vom Bildrand angeschnittenen Umgebung des Jugendstilmöbels hervor.

Der Künstler bedient sich eines weichen, beinahe impressionistischen Pinselduktus und beherrscht meisterhaft Halbtöne sowie kühle Grautöne, die den Kontrast zwischen dem tiefen Blau des Stoffes und der warmen, kastanienbraunen Tonalität des hochgesteckten Haares mildern. Auffällig ist die strenge kompositorische Disziplin: Der Schwerpunkt des Werkes wurde von der porträthaften Eindeutigkeit des Gesichts auf die skulpturale Form des Kleides und die subtile Modellierung anatomischer Partien verlagert. Breite, kühne und erstaunlich moderne Pinselstriche, besonders sichtbar in den Drapierungen der Krinoline und den dunklen Bändern des Mieders, koexistieren hier mit einer feinen, fast sfumatoartigen Behandlung von Licht und Schatten im Gesicht des Modells. Mit außerordentlicher Meisterschaft gibt der Künstler die Textur des schweren Stoffes wieder, tritt in einen Dialog mit der Tradition der großen europäischen Malerei und nimmt zugleich die Entdeckungen der Impressionisten vorweg. Es ist ein Meisterwerk der Sinnlichkeit und Zurückhaltung, das nicht nur durch seine bezaubernde Form besticht, sondern vor allem durch seine schwer fassbare, poetische Atmosphäre.

Obwohl Camille Corot weltweiten Ruhm vor allem als genialer Landschaftsmaler und Erneuerer der Freilichtmalerei erlangte, gelten gerade seine späten, äußerst seltenen Figurenstudien heute unter Kunsthistorikern als seine persönlichsten und von Sammlern besonders begehrten Werke. „Frau in Blau“, 1874 gemalt — nur ein Jahr vor dem Tod des Künstlers — gilt als sein Vermächtnis auf dem Gebiet des Porträts. Das Werk rief bei Meistern einer neuen Epoche wie Edgar Degas und Pablo Picasso grenzenlose Bewunderung hervor; beide fanden in dieser konkreten Komposition eine unmittelbare Inspiration für ihre eigenen Erkundungen des modernen psychologischen Porträts. Emma Dobigny, die für das Bild Modell stand, war Corots bevorzugtes Modell; im Unterschied zu seinen früheren, idealisierten Darstellungen mythologischen oder allegorischen Charakters erscheint sie hier jedoch in einem durch und durch zeitgenössischen Pariser Kleid. Darüber hinaus sind die zwei undeutlichen Landschaften an der Wand im Hintergrund reale Landschaftsstudien Corots, wodurch „Frau in Blau“ nicht nur zu einem intimen Porträt wird, sondern auch zu einer zutiefst persönlichen malerischen Bilanz des eigenen schöpferischen Raumes und künstlerischen Credos. Das Pariser Publikum entdeckte dieses außergewöhnliche Werk erst 1909, dreißig Jahre nach Corots Tod, während der legendären Ausstellung im Grand Palais, als das intime Archiv des Malers der Welt offenbart wurde. Damals löste es eine wahre Sensation aus und bewies neuen Künstlergenerationen, dass dieser bescheidene Landschaftsmaler in Wirklichkeit einer der großartigsten und modernsten Porträtisten des 19. Jahrhunderts war. Interessanterweise war Emma Daubigny die Tochter eines engen Freundes des Malers, des bedeutenden Landschaftsmalers Charles-François Daubigny. Heute befindet sich das Gemälde in der Sammlung des Musée du Louvre in Paris und gilt als eine der vollkommensten Leistungen dieser späten Reihe intimer Figurenstudien.

DETAILS

Titel: Die Dame in Blau (oder Frau in Blau)
Originaltitel: La Dame en bleu
Künstler: Jean-Baptiste-Camille Corot
Entstehungszeit: 1874
Entstehungsort: Paris, Frankreich
Typ : Gemälde
Technik: Öl auf Leinwand
Genre: Porträt
Stilrichtung: Realismus
Form: Malerei

Jean-Baptiste-Camille Corot - Dame in Blau

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