Ivan Aivazovsky - Calm Early Evening Sea (Full)

Ivan Aivazovsky - Ruhige See am frühen Abend

Schwarz / S / Kiefer
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Ruhige See am frühen Abend (oder Ruhiges Meer am frühen Abend)
Ivan Aivazovsky
29 Lip 1817 – 2 Maj 1900

Diese Komposition besitzt etwas beinahe Hypnotisches — die vollkommene Stille der Materie, das Glätten der Wellen zu kaum mehr als einem feinen Zittern, als hielte das Meer den Atem an. Aivazovsky malte das Werk 1884, auf dem Höhepunkt seines Ruhms, und erlaubte sich hier sichtbar den Luxus des Lyrischen: Statt der dramatischen Naturgewalt, die ihn berühmt gemacht hatte, schenkt er dem Betrachter einen Augenblick vor der Dämmerung — jene besondere Stunde, in der Himmel und Wasser ihre Farben tauschen und keiner von beiden schon weichen will. Das rosige Gold des Sonnenuntergangs zerfließt im Spiegel des ruhigen Meeres und erzeugt eine Tiefe, die zugleich wirklich und traumhaft wirkt. „Ruhiges Meer am frühen Abend“ ist kein Bild über Wasser — es ist ein Bild über Licht, das das Wasser vom Himmel leiht und mit Zinsen zurückgibt.

Unter den Hunderten von Meereslandschaften dieses Meisters — insgesamt schuf er über sechstausend Werke — sind es gerade solche Momente windstiller Ruhe, die sein ganzes Können offenbaren. Dramatische Stürme verlangen vom Maler Kraft und Heftigkeit; die Stille verlangt etwas Schwierigeres: die Präzision des Gefühls. Das Gemälde gehört zu jener Werkgruppe, die Kritiker als die „rosafarbenen Bilder“ des Meisters bezeichnen — Werke voller warmen, beinahe romantischen Lichts, in denen die Stimmung wichtiger ist als das Ereignis. Im Vordergrund erscheint menschliche Gegenwart: die Silhouetten von Fischern am Ufer, kleine Boote, der Alltag der Küste — und doch scheint all dies nur ein Vorwand zu sein, um vom Licht selbst und von der Zeit zu erzählen. Aivazovsky war ein Maler der Erinnerung: Die meisten seiner Bilder schuf er aus Vorstellung und Gedächtnis, ohne Modelle und ohne unmittelbare Naturbeobachtung. Diese Technik — ein Bild von innen heraus und nicht direkt nach der Natur aufzubauen — schenkt uns eine reine, ideale Vision, als wäre sie aus der Tiefe eines Traums hervorgeholt.

Das Gemälde ist lateinisch signiert und mit der Adresse des Ateliers versehen: „Théodosia, Crimea“ — schon dies ist ein Zeichen der Verbundenheit mit dem Geburtsort des Künstlers. Aivazovsky kehrte nach Feodossija zurück und verließ die Stadt im Grunde nie wieder; er malte das Meer, das er seit seiner Kindheit kannte. In diesem ruhigen Abendmeer liegt etwas von dieser Treue: kein Effektfeuerwerk, kein Sturm zur Schau — nur ein präzise erfasster Augenblick, bevor der Abend zur Nacht wird und der Glanz auf dem Wasser erlischt.

Obwohl Ivan Aivazovsky vor allem mit spektakulären, ausdrucksstarken Stürmen und Schiffskatastrophen verbunden wird, arbeitete er gerade an ruhigen Abendkompositionen wie dieser aus dem Jahr 1884 besonders methodisch und stützte sich dabei ganz auf sein phänomenales visuelles Gedächtnis. Der Künstler malte fast nie unmittelbar nach der Natur — er war überzeugt, dass die Bewegung der Elemente und der Wandel des Lichts zu schnell für den Pinsel seien. Deshalb verbrachte er Stunden damit, die Krimküste in Feodossija zu beobachten, um später in der Stille seines Ateliers aus der Erinnerung ideale, beinahe fotografische Nuancen von Wellen und abendlichen Reflexen wiederzugeben. Forscher des Auktionshauses Bonhams wiesen darauf hin, dass Datierung und lateinische Inschrift nahelegen, das Bild könne für eine der großen europäischen Ausstellungen entstanden sein — vermutlich für die Wiener Ausstellung von 1884 oder die Berliner Ausstellung des folgenden Jahres. Solche Werke waren Ausdruck der Erinnerungen des Künstlers an seine Jugendreise nach Süditalien, die er 1840–1841 dank eines Stipendiums der Kaiserlichen Akademie der Künste unternahm — im Sommer 1841 war er von der Küste des Golfs von Neapel tief beeindruckt. Zwei Jahre später begegnete er in Rom J.M.W. Turner: Der englische Genius des Lichts war von seinen Arbeiten so beeindruckt, dass er ihm einige lobende Verse widmete — eine außergewöhnliche Geste, wenn man Turners bekannte Zurückhaltung gegenüber Kollegen bedenkt.

DETAILS

Titel: Ruhige See am frühen Abend (oder Ruhiges Meer am frühen Abend)
Originaltitel: Calm Early Evening Sea
Künstler: Ivan Aivazovsky
Entstehungszeit: XIX w.
Entstehungsort: Rosja
Typ : Gemälde
Technik: Öl auf Leinwand
Genre: Marinemalerei
Stilrichtung: Romantik / Realismus
Form: Malerei

Ivan Aivazovsky - Ruhige See am frühen Abend

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